| Freundschaft
heißt in jeder Hinsicht immer offen und ehrlich
miteinander umzugehen, mal abgesehen von den kleinen
Geheimnissen, die doch jeder in sich und mit sich
trägt. Freundschaft heißt, sich immer zu
sagen, was man (über den anderen) denkt.
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Ein
Freund ist ein Mensch,
vor dem man laut denken kann.
~
Emerson ~
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Doch
was ist, wenn auf einmal eine Sache im Raum der Freundschaft
steht, so ganz mitten drin, dass man sich einfach
nicht mehr sehen kann, sondern nur noch diese Sache,
die den Anblick des anderen verdeckt? Wenn man den
anderen nicht mehr hört, weil diese Sache den
anderen nicht verstehen lässt, weil Du so verändert
sprichst, so verändert Dich verhältst, so
dass der andere Dich nicht mehr begreift und auf einmal
auch diese Sache im Raum spürt?
Doch Du kannst einfach
nichts sagen, kannst nicht aussprechen, was Dich so
bedrückt, was Dich so ärgert, was Du nicht
magst. Du kannst es dem Freund nicht sagen, weil es
ihn betrifft. Weil es sein Verhalten betrifft. Ein
Verhalten, das er für so richtig hält und
Du genau weißt, dass es alles andere als richtig
ist.
Du fragst Dich, hast
Du ein Recht, Deinen Freund zu kritisieren, wobei
ihr doch im Grundlegenden immer einer Meinung wart,
weil es das war, das Euch so sehr verband und immer
noch verbindet. Du fragst Dich, ob Du ihn in seinem
Verhalten kritisieren kannst.
So oft hast Du ihn
schon kritisiert und es war gut, doch dieses mal geht
es nicht, es ist eine harte Kritik und Du hast Angst,
dass der Freund es Dir übel nimmt, vielleicht
sogar glaubt, Du fielst ihm in den Rücken, obwohl
es doch alles andere als das wäre. Du möchtest
ihn doch davor bewahren, dass er sich unbeliebt macht
mit seinem falschen Verhalten, mit seiner falschen
Einstellung in dieser Situation. Aber Du hast Angst,
er könnte es nicht verstehen, hast Angst er könnte
an Deiner Freundschaft zweifeln, glauben, Du hättest
ihn nicht mehr lieb, eben weil dieser Freund so sehr
der Meinung ist im Recht zu sein.
Erst sagst Du nichts,
weil Du glaubst, es könnte doch was Wahres dran
sein, an seiner Einstellung, an seiner Meinung. Vielleicht
irrst Du Dich ja, sagst Du Dir vielleicht. Du wartest
erst einmal ab, sagst Du Dir, beobachtest die Situation
und nimmst Dir vor, erst dann mit ihm zu sprechen,
wenn Du Dir sicher bist, im Recht zu sein. Solange
sagst Du nichts, hältst Dich raus. Dein Freund
nimmt Dein Schweigen als Zustimmung, er denkt nicht
daran, dass Du nicht seiner Meinung bist. Doch dann
sehen auch andere, dass da etwas nicht in Ordnung
ist, dass das Verhalten Deines Freundes alles andere
als positiv ist.
Doch nun, Du willst
mit ihm sprechen, möchtest ihm alles sagen, möchtest
ihm helfen, ihn schützen, aber Du kannst nicht.
Zu lange schon hast Du schweigend akzeptiert, hast
Deinen Freund in der Sicherheit gewiegt, dass er auch
hier mit Dir rechnen kann. Und nun? Wie sollst Du
ihm sagen, dass es eben nicht so ist. Dass er mit
seinem Verhalten verletzt, dass über ihn geredet
wird und wie willst Du ihm sagen, dass zu Recht über
ihn geredet wird, dass er zu Recht scharf kritisiert
wird, und auch dass Du verstehen kannst, warum sich
einige Menschen von ihm zurück ziehen. Wie willst
Du ihm erklären, dass Du gleicher Meinung bist,
dass Du genau so scheiße findest, wie er sich
verhält. Du als einer der engsten Freunde. Er
wird der Meinung sein, dass Du ihm tatsächlich
in den Rücken fällst. Er hat auf Dich gezählt,
hat mit Dir gerechnet und er wird nicht verstehen,
dass das immer noch so ist, auch wenn Du ihn kritisierst.
Er wird schon gar
nicht verstehen, dass Du es genau aus diesem Grund
tust, dass Du eben genau dieser enge und treue Freund
bist, weil Du ihm die Wahrheit sagst. Du willst ihn
nicht verletzen, Du willst, dass er begreift, dass
er merkt, dass Du ihm alles offen sagst, weil er Dein
Freund ist, weil Du ihn so sehr lieb hast. Doch wie?
Du
wartest ab. Abermals. Wartest auf den passenden Moment.
Überlegst Dir Deine Worte genau, wenn er nicht
anwesend ist. Nimmst Dir fest vor, es beim nächsten
Treffen in einer ruhigen Minute anzusprechen. Das
nächste Treffen kommt, die ruhige Minute zu zweit
ist da, und auf einmal hast Du gar nicht mehr so das
Gefühl, dass es so schlimm ist. Du redest Dir
ein, das ist doch mein Freund, das ist doch genau
der Mensch, den ich so gern habe und er hat sich doch
gar nicht verändert. Natürlich hat er sich
nicht verändert. Ihr hattet dieses Thema nie,
als Ihr zu zweit ward, oder es war immer so sehr plausibel
erklärt, dass Du es doch gar nicht mehr so schlimm
fandest.
Warum
solltest Du also diesen schönen Moment
der Zweisamkeit zerstören. Sollen doch
die Leute, die ein Problem mit dem Freund haben,
selbst auf die Idee kommen, mit ihm zu sprechen.
Du verdrängst, verschönst und vergisst
in diesem Moment einfach, was Dich so sehr stört,
was so sehr falsch läuft. Er spricht so
einleuchtend. Es stört Dich zwar noch immer,
aber Du kannst auf einmal verstehen. |
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Irgendwann bist Du dann wieder allein. Irgendwann
siehst Du es aber wieder und wieder, wie schrecklich
Dein Freund sich benimmt, und wieder nimmst Du Dir
fest vor, beim nächsten Treffen, in einer ruhigen
Minute mit ihm zu sprechen.
Immer und immer wieder
schaffst Du es aber einfach nicht. Immer und immer
wieder redest Du Dir ein, Du müsstest nichts
sagen, das ginge schon irgendwie, er wird schon wieder
zur Vernunft kommen und mit diesem immer und immer
wieder nicht reden, ziehst Du Dich ungewollt von ihm
zurück. Denn diese Sache, die im Raum Eurer Freundschaft
steht, wird immer bedrückender.
Du beginnst Dich auch
bei anderen Themen zu verschließen, erfindest
dann irgendwann Ausreden, um Dich nicht mit ihm treffen
zu müssen, weil Du diese Mauer zwischen Euch
einfach nicht mehr aushältst. Du nur noch die
Sache siehst, die so schief läuft und nicht mehr
die anderen Momente. Solange diese Sache nicht geklärt
wird, solange wird die Freundschaft weiter kaputt
gehen - und Du weißt das.
Und dann kommt auf
einmal der große Knall. Dein Freund spürt
die Kluft zwischen Euch, sieht deutlich, dass mit
Dir etwas nicht stimmt und auf einmal zweifelt er
an Eurer Freundschaft. Er tut genau das, was Du auf
jeden Fall verhindern wolltest. Doch wie kannst Du
ihm jetzt noch sagen, was Dich stört? Er wird
Dir doch vorhalten, dass Du nicht sofort ehrlich zu
ihm warst. Dass Du ihn angelogen hast. Und wie sollst
Du es erklären? In solchen Momenten fehlen einfach
die Worte, alles so zu erklären, dass der andere
es nachvollziehen kann. Du hast Angst, er könnte
meinen, dass Du Dich heraus reden möchtest. Du
hast Angst, er könnte ein falsches Bild von Dir
bekommen, könnte die Freundschaft wegen Misstrauen
beenden.
Doch irgendwann kommst
Du an einen Punkt, an dem Du merkst, dass die Freundschaft
ohne Aussprache auf jeden Fall kaputt gehen wird,
dass aber mit einer Aussprache eine Fifty/Fifty–Chance
besteht. Und Du lässt Dich darauf ein. Stellst
Dich der Konfrontation und hoffst einfach, es ist
nicht alles verloren.
Nun
der Wendepunkt: Entweder ihr seid beide vollkommen
ehrlich zueinander und ihr klärt alle zwischen
euch liegende Dinge und versucht so gut wie möglich
Kompromisse zu finden und es kann wieder klappen.
Oder ihr verhaltet Euch so, wie ich es in meinem Freundeskreis
schon zwei Mal erleben musste. Und zwar wird das Oberflächliche
geklärt und auch einiges, was wirklich zur Sache
gehört, doch eines nicht: das, worauf es ankommt.
Die Grundlage, die allen Streit und alles Misstrauen
wirklich verursacht hat.
 |
Sie
wird nicht geklärt, sie wird nicht erklärt,
weil es auf jeden Fall einen Verlust bedeuten
würde. Einen Verlust in der Freundschaft,
weil Du merkst, dass der andere es wirklich
falsch verstehen würde und auch nicht
von seiner Meinung abkommen würde.
Du
möchtest diese Freundschaft und nimmst
in Kauf, Dinge zu tun oder zu sagen oder Dinge
zu lassen oder nicht zu erwähnen, um
die Freundschaft zu halten und dabei siehst
Du nicht, dass Du damit die Freundschaft nur
noch offiziell bestehen lässt.
Das
Gefühl des Vertrauens und der Vertrautheit
wird nicht wieder zurück kommen, es wird
einfach nicht mehr das sein, und irgendwann
kannst Du nicht einmal den kleinen Teil, der
jetzt noch da gewesen wäre, retten.
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Denn
dann ist es zu spät.
Fazit:
Die unbequemen Freunde, können die besten sein
- aber nur, wenn der eine gleich sofort offen und
ehrlich sein darf, weil er sicher sein kann, dass
der andere ihm ohne Misstrauen aufmerksam zuhört.
aBraXaS
Keiner
ist so taub wie der, der nicht hören will.
~
aus Frankreich ~
Dein
wahrer Freund ist nicht,
wer Dir den Spiegel hält
der Schmeichelei,
worin Dein Bild Dir selbst gefällt.
Dein wahrer Freund ist,
wer Dich sehn lässt Deine Flecken.
Und sie Dir tilgen hilft,
eh‘ Feinde sie entdecken.
~
Friedrich Rückert ~
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