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Schülerzeitung des Kopling Kollegs Freiburg

 

 

Durch HIV wurde mein Leben sinnvoller
Interview zum Welt-Aids-Tag mit einem Betroffenen. Interviewpartner: Sirpa K. Weiler & Martin.
Artikel der Schülerzeitung des Kopling Kollegs Freiburg

Zum Anlass des Welt-Aids-Tages, aber auch, weil dieses Thema ein Thema für 365 Tage im Jahr ist, durften wir in Zusammenarbeit mit der Aids-Hilfe in Freiburg ein Interview mit Martin (Name von der Redaktion geändert) führen, der uns über seine ganz persönliche Geschichte und sein Leben mit dem HI-Virus Rede und Antwort gestanden hat.

Wir bedanken uns herzlich bei Robert Sandermann von der AIDS-Hilfe Freiburg e.V. aus dem Fachbereich Prävention und Öffentlichkeitsarbeit, der uns dieses Interview vermittelte, und auch selbst für alle Fragen jederzeit zur Verfügung stand. Des weiteren möchten wir uns aber vor allem bei Martin bedanken, der sich die Zeit genommen hat, und so offen für unsere Fragen war. Es hat uns sehr gefreut, Euch beide kennenzulernen :)

Welt-Aids-Tag


KoKo-S: Wie alt bist Du?
Martin: Ich bin jetzt 46 Jahre alt.


KoKo-S: Und wie geht es Dir im Augenblick?
Martin: Mein Allgemeinzustand ist gut, bis auf ein paar Kleinigkeiten, die allerdings nicht direkt mit HIV zu tun haben.


KoKo-S: Wann wurde HIV bei Dir festgestellt?
Martin: 1993 ging ich zu meinem Hausarzt, weil ich damals eine Grippe hatte. Bei dieser Gelegenheit fragte ich ihn, ob es möglich wäre, einen HIV-Test durchführen zu lassen. Zwei Wochen später war das Ergebnis des Tests da und als auch der anschließende Bestätigungstest das "positive" Ergebnis bestätigte, wurde ein großer Bluttest gemacht, bei dem sämtliche testmessbaren Werte herausgefiltert wurden. Somit konnte man feststellen, dass ich mich etwa in den Jahren 1988/89 angesteckt haben muss. Meine Werte waren so grottenschlecht, dass es für mich "kurz vor knapp" war.

Rückblickend kann ich sagen, dass ich in der Ansteckungszeit ganz diffuse Beschwerden hatte, die schon damals auf eine HIV-Infektion hätten schließen lassen, da es gewisse körperliche Symptome gibt, die durchaus mit einer frischen Infizierung in Zusammenhang gebracht werden könnten.

Bei mir war es beispielsweise derartig heftiger Nachtschweiß, der mit solch einer Intensität vorhanden war, dass ich zwei Mal in einer Nacht die Bettwäsche wechseln musste, und das Tage lang immer wieder mal. Des weiteren hatte ich geschwollene Lymphdrüsen. Ich habe auch schon etwas geahnt, doch wie es häufig ist, sagte ich mir auch, dass es bestimmt irgendetwas anderes ist. Die Symptome sind nach einiger Zeit auch wieder verschwunden. Ich war damals unabhängig davon in einer Art depressiven Phase oder auch persönlichen Krise und habe diese ersten Anzeichen damit in Verbindung gebracht.

Als ich dann für anderthalb Jahre in England wohnte, hatte ich bis auf eine kleine Infektion nichts gesundheitlich auffälliges. 1993 kam ich zurück nach Deutschland und wenn ich nicht einen Bekannten gehabt hätte, der HIV-positiv gewesen wäre, wäre das vielleicht nicht so schnell diagnostiziert worden.

Mein Bekannter ist damals nicht zum Arzt gegangen, obwohl er genau wusste, dass er HIV-positiv war. Er wollte sich nicht behandeln lassen und eines Tages war seine Gesundheit so angeschlagen, dass er ins Krankenhaus musste, in dem er 8 Wochen lag. Es kam noch eine TB (Tuberkulose) dazu. Das war ausschlaggebend, dass ich sagte, dass, sollte ich HIV-positiv sein, ich es nicht so weit kommen lassen wollte. Das war auch ausschlaggebend, warum ich mich habe testen lassen, als ich diese Grippesymptome hatte.


KoKo-S: Wie ging es Dir mit dieser Diagnose in der ersten Zeit?
Martin: Obwohl ich es indirekt geahnt hatte, war es zuerst einmal ein Schreck. Dazu kam, dass man damaliger Hausarzt, ein Allgemeinmediziner, sich nicht so gut auskannte und ich mir einen anderen Arzt gesucht habe, weil ich merkte, dass mein Hausarzt mit der Diagnose nicht zurecht kam.

Auf dem "Weg dorthin" sind dann noch ein paar Malheure passiert, die eigentlich nicht hätten passieren sollen. Der zweite Arzt hatte mir nach einem weiteren Test geraten, in eine spezielle Praxis zu gehen und gab mir einen Brief für diese mit. Ich als neugieriger Mensch habe diesen Brief geöffnet und darin stand, dass "der Patient sich im AIDS-Vollstadium befindet", was man mir nicht gesagt hatte. Das war für mich ein großer Schock, weil die Prognose der Lebenserwartung damals bei 1-2 Jahren lag.

Mein nächster Arzt war sehr locker und schrieb mich erst einmal komplett krank. Zu dieser Zeit gab es nur die Monotherapie (Anmk. d. Red.: Monotherapie - Behandlung mit nur einem Medikament; heutzutage behandelt man mit drei verschiedenen Medikamenten, was die Therapie erfolgreicher macht -> Kombinationstherapien). Es tat gut, einen Arzt vor sich sitzen zu haben, der sich mit der Materie auskannte, was meine innere Situation auch sehr verbesserte, weil ich mich trotz des ersten Schreckens und Schocks in Fachhänden gut aufgehoben gefühlt habe.


KoKo-S: Und wie ist es jetzt?
Martin: Heute bin ich ein Oldie. Es geht mir körperlich soweit gut. Seelisch drückt mich aber doch manchmal die Frage, wie lange die Medikamente noch wirken, da ich nicht weiß, wie lange mein Zustand noch so gut bleibt. Auch ist die Frage, ob mein Körper eine neue Therapie, insoweit ich diese dann machen muss, verträgt, da das nicht gewährleistet werden kann. Vor allem bin ich nicht nur HIV-positiv, sondern habe noch ein paar andere gesundheitliche Probleme wie beispielsweise einen Herzfehler. Diese anderen Krankheiten könnten bei einer anderen, neuen Therapie Probleme machen, weil die Medikamente aufeinander abgestimmt werden müssen und nicht alles mit allem einfach so kombinierbar ist.


KoKo-S: Wie hast Du Dich angesteckt?
Martin: Ich habe mich über unterschützten Sex mit dem Virus infiziert.


KoKo-S: Wann brach die Krankheit aus?
Martin: Das ist heutzutage so eine Sache. Wenn man davon spricht, dass AIDS ausgebrochen ist, dann spricht man vom Vollbild der Krankheit. Das Überweisungsdokument von meinem damaligen Arzt, in dem stand, dass ich mich im AIDS-Vollstadium befände, ist nach heutigem Ermessen nicht korrekt.

Damals sagte man, dass man dieses Vollstadium erreicht habe, wenn die CD4-Zellen auf den Wert 200 abgesunken sind. Der normale CD4-Zellen-Wert liegt zwischen 600 und 1000, und wenn dieser Wert auf 200 liegt, spricht man von einem ernsthaften Immundefekt. Zum damaligen Zeitpunkt lag mein Wert auf 90. Doch merkte man im Laufe der Therapien auch, dass diese Zellen genauso schnell wieder ansteigen können, sodass man aus diesem Gefahrenbereich wieder heraus kommt. Was also macht man dann mit der Diagnose, dass AIDS ausgebrochen sei?

Also ging die Amerikanische Zulassungsbehörde einen Schritt weiter und sagte, dass das Vollstadium dann erreicht sei, wenn eine von 27 opportunistisch möglichen Infektionen (OI) vorläge. Um das etwas zu erklären: Es gibt bestimmte Viren, die fast jeder Mensch in sich trägt, mit einem normalen Immunsystem allerdings merkt niemand etwas davon. Wenn das Immunsystem allerdings sehr stark eingeschränkt ist, dann kann z. B. eine von diesen Krankheiten ausbrechen.

(Anmk. der Red.: Das ist vergleichbar mit dem Herpesvirus, den fast jeder Mensch in sich trägt, aber Herpes bricht nicht bei jedem aus. Herpes ist hier allerdings nicht gemeint, es soll nur verdeutlichen, was gemeint ist mit den Viren, die in jedem Menschen schlummern).

Heutzutage benennt man das AIDS-Vollbild ausschließlich dann, wenn totales Therapieversagen vorliegt und keine Medikamente mehr helfen und der Körper des-/derjenigen nur noch abbaut. Das allerdings kommt nur noch sehr selten vor. Grundsätzlich also spricht man heutzutage also nur noch davon, dass man HIV positiv ist.


KoKo-S: Wie reagierte Dein Umfeld?
Martin: Bei der Arbeit haben sie sehr gemischt reagiert. Ich arbeitete mit jungen Leuten im Musikbereich zusammen und man sollte eigentlich meinen, dass man hier mehr Toleranz erfahren könnte, was allerdings nicht so war. Ich wurde von einem Teil sogar richtiggehend gemobbt in Form von dummen Sprüchen und Spitzfindigkeiten. Bei den einen zeigte sich dadurch komplette Unsicherheit durch Unwissenheit, und bei den anderen ihre eigentliche, doch nicht ganz so liberale Gesinnung, wie sie es zuvor vermittelt hatten.

In meinem direkten Umfeld gab es etliche Leute, die HIV-positiv waren und somit gab es hier keinerlei Probleme. Es war auch recht leicht für mich, mich ihnen zu offenbaren, weil sie mir auch direkt weiterhelfen konnten, was Informationen anbelangte, und auch vor allem, mit dieser Tatsache umgehen zu lernen.

Meinen Verwandten gegenüber hatte ich ein General-Coming-Out, das war eigentlich so nicht von mir angedacht gewesen, aber ich merkte, dass ich meine Energie für mich brauchte, und dass Lügen oder Erfindungen mehr Energie kosten würde, als ich hatte. Dementsprechend habe ich reinen Tisch gemacht und meinen Verwandten einen Brief geschrieben, habe ihnen alles erklärt und ihnen dann aber auch freigestellt, ob sie noch Kontakt mit mir haben möchten oder nicht.

Damit habe ich wunderbare Erfahrungen machen dürfen, denn wir konnten dadurch ein sehr enges Verhältnis aufbauen.


KoKo-S: Was hast Du beruflich gemacht bzw. arbeitest Du auch heute noch in diesem Beruf?
Martin: Ich habe bei WOM gearbeitet. Dadurch aber, dass ich durch verschiedene Faktoren immer schwächer geworden bin, habe ich eine Umschulung beantragt. Diese allerdings wurde wegen meiner Diagnose nicht genehmigt, weil man damals dachte, dass es rausgeschmissenes Geld wäre, jemandem eine teure Umschulung zu genehmigen, wenn dieser doch sowieso bald unter der Erde läge. Daraufhin bin ich dann in Frührente gegangen und war vorerst aus dem Arbeitsfeld draußen, um mich auf mich zu konzentrieren.

Ich habe dann angefangen, ehrenamtlich zu arbeiten, und um neben meiner Rente noch etwas zu verdienen, hatte ich ein paar geringfügige Jobs, wovon ich einen heute weiterhin ausübe.


KoKo-S: Muss man bei der Arbeit angeben, dass man HIV-positiv ist?
Martin: Nein, der einzige Berufszweig, bei dem ich weiß, dass man es angeben muss und das nicht in der Medizin, sondern der Beruf als Pilot. Frag' mich allerdings nicht warum, denn auch als Lokomotivführer oder Busfahrer muss man auf einen gewissen Verkehr achten, und die Medikamente verursachen oft starke Nebenwirkungen wie beispielsweise Konzentrationsschwächen. Erwähnen müsste man eher Hepatitis C, weil diese Krankheit leichter übertragbar ist, als der HI-Virus.


KoKo-S: Welche Erfahrungen musstest, oder auch durftest Du im Bezug auf Deine Krankheit machen?
Martin: Dass meine Verwandten und sich eine so enge Bindung aufbauen konnte, was vor der Krankheit nicht unbedingt so war, war eine wirklich positive Erfahrung. Zuvor war es manchmal etwas aufgesetzt.

Negative Erfahrungen hatte ich bei zwei, drei Leuten, die so reagierten, wie ich es mir nicht hätte vorstellen können. Allerdings nehme ich es ihnen jetzt im Nachhinein nicht übel, da sie es von ihrer Warte aus gesehen haben und ihre Gründe hatten. Es war auch keine diskriminierende Reaktion. Was mich sehr erstaunt hatte, war eine Situation, in der ich gesagt bekommen habe, ich solle nicht so offen mit meiner Krankheit umgehen. Verwundert hat mich das deshalb, weil man in diesem Bereich ständig mit dem Sterben und todkranken Menschen zu tun hat. Gerade in diesem Bereich hätte ich gedacht, dass man offen über solche Themen sprechen könnte. Heute allerdings weiß ich, dass es so nicht gemeint war, wie es damals bei mir ankam.

Momentan arbeite ich auch in einem Bereich, in dem sehr viele osteuropäische Menschen arbeiten, die eine eigenwillige Schwarz-Weiß-Einstellung haben. Es ist kulturell bedingt und fast alle von ihnen oder auch anderen Kulturen glauben, dass man sich anstecken könne, wenn man mit einem HIV-positiven Menschen in einem Raum oder dergleichen ist. Insofern habe ich dort nichts von meiner Erkrankung erzählt.

Aber grundsätzlich habe ich doch sehr viele positive Erfahrungen machen dürfen. Ich bekomme allerdings bei meiner ehrenamtlichen Tätigkeit in der AIDS-Telefonberatung von sehr vielen Betroffenen negative Erfahrungen mit. Es gibt sehr viel Unwissenheit einerseits, aber auch sehr viel Ignoranz und Borniertheit auf der anderen Seite.

Leider hat sich von der Einstellung der Menschen zu diesem Thema in den letzten 30 Jahren, in denen das Thema AIDS überhaupt ein Thema ist, nicht sehr viel geändert. Das einzige, das sich geändert hat, ist, dass sich immer mehr Leute infizieren. Trotz, dass man heutzutage mehr darüber spricht, herrschen weiterhin die gleichen Vorurteile wie damals. Beispielsweise, dass man sich infizieren kann, wenn man mit einem HIV-positiven Patienten im selben Raum ist, oder vom selben Glas trinkt/mit dem selben Besteck isst, wie auch der Gefahr, sich beim Zahnarztbesuch anstecken zu können.

Man sollte eigentlich denken, dass infolge der ganzen Aufklärung diese Vorurteile abgebaut werden können, aber dem ist nicht so. Vielleicht liegt es auch daran, dass beim Thema HIV auch sehr stark das Intime angesprochen wird; und in kaum einem anderen Bereich wird mehr gelogen als im Bereich der Sexualität. Die Gesellschaft glaubt, dass etwas mit ihm oder ihr nicht stimmt, wenn er/sie HIV-positiv ist, und dieser jemand habe dann wohl nicht so gelebt, wie es der Moral entsprechend hätte passieren sollen. Dies zeugt von einer riesigen Heuchelei, wenn man sich die Anzahl von Swinger-Clubs oder den Erfolg der Pornoindustrie anschaut.

In unseren Breitengraden ist die häufigste Übertragungsrate nun einmal im sexuellen Bereich zu suchen, aber davon betroffen kann absolut jeder sein, der sich nicht (mit Kondomen) schützt.


KoKo-S: Wie gehst Du im Alltag mit der Krankheit um, und was hat sich verändert? Worauf musst Du verzichten?

Martin: Mein Freundes- und Bekanntenkreis besteht entweder nur aus HIV-Positiven, oder Leuten, die damit definitiv gut umgehen können. Verzichten muss ich auf das, was auch mit dem Alter zu tun hat. Früher dachte man, dass es z. B. mit den Nebenwirkungen der Medikamente zu tun hat, wenn es einem nicht gut geht. Heute weiß ich, dass es auch einfach an den "Verschleißerscheinungen" des Älterwerdens liegt, wenn ich etwas nicht machen kann.

Verzichten muss ich allerdings auf ein paar Illusionen, die ich mir gemacht hatte. Träume, die ich hatte. Auf der anderen Seite haben sich aber auch andere Türen für mich geöffnet. Durch die HIV-Infektion ist mein Leben einfach sehr viel bewusster geworden, um nicht sogar zu sagen: sinnvoller.

Ohne die Infektion wäre ich heute wahrscheinlich ein frustrierter Harz-IV-Empfänger ohne Aussichten, da ich schulausbildungstechnisch "nur" Hauptschüler bin. Ich hatte damals nicht die Möglichkeit, noch einmal die Schule zu besuchen, um einen besseren Abschluss zu bekommen. Ich komme aus eher schwierigen Familienverhältnissen und musste mehr oder weniger um des Überlebens Willen arbeiten.

Heute kann ich dank meiner Rente und meinem Nebenverdienst ehrenamtlich in Bereichen arbeiten, in die ich andernfalls gar nicht hinein gekommen wäre, weil ich mich um den Erhalt meiner Existenz hätte kümmern müssen, und mir dementsprechend einfach die Möglichkeiten gefehlt hätten. Somit hat mir die Krankheit komischerweise eben eher Türen geöffnet, die andernfalls verschlossen geblieben wären.

Durch viele Gespräche mit anderen Betroffenen weiß ich allerdings, dass ich eher eine Ausnahme und ein Einzelfall bin. Die meisten kommen mit ihrer Krankheit überhaupt nicht zurecht, und teilweise möchten sie nicht einmal darüber sprechen. Es gibt etliche, die sich aufgrund der Diagnose sehr bewusst zugrunde richten. Man versucht es ihnen auszureden, oder Tipps zu geben, doch letztendlich ist es eine sehr individuelle Krankheit, auf die jeder ganz persönlich seine Entscheidung trifft.


KoKo-S: Welche Ziele möchtest Du gerne verwirklichen, und haben sich diese Ziele mit der Diagnose verändert?
Martin: Im Grunde habe ich nur ein Ziel, das mit HIV allerdings nichts zu tun hat. Dieses Ziel ist ein sehr persönliches Ziel, denn ich möchte zu dem Menschen werden, der ich eigentlich bin.

Meine Tätigkeiten helfen mir dabei, dorthin zu kommen. Im Augenblick lebe ich mein Leben genau so, wie ich es brauche und wie ich es auch möchte. Die Erfahrungen, die ich derzeit mache, stehen damit in völligem Einklang, und daher kann ich sagen, dass mein Lebensweg im Augenblick genauso verläuft, wie er verlaufen soll.


KoKo-S: Was würdest Du unseren Lesern gerne mitteilen, welche Botschaft möchtest Du mitgeben?
Martin: Passt auf Euch auf! Beachtet die Safer-Sex-Spielrregeln! Sprecht offen über das Thema Sex und seid in jedem Fall ehrlich, wenn Ihr irgendetwas nicht wisst und erkundigt Euch.

Wenn Ihr jemanden trefft, der HIV-positiv ist, egal, ob er es Euch selbst sagt, oder Ihr es irgendwie heraus bekommt, behandelt ihn/sie als völlig normalen Menschen, denn damit könnt ihr den Betroffenen am meisten helfen. Am allermeisten schaden könnt Ihr HIV-positive Menschen, wenn Ihr sie nicht wie normale Menschen behandelt. Die Medizin ist heutzutage so weit, dass man diese Krankheit gut behandeln kann und daher verhätschelt Betroffene nicht extra, meidet und diskriminiert sie nicht.

Man kann HIV nicht bekommen, wenn man mit einem HIV-Positiven im gleichen Raum ist, man kann sich nicht anstecken, wenn man jemandem die Hand gibt, oder ihn in den Arm nimmt und knuddelt, oder normal zusammenlebt. Es gibt Ehepaare, von denen ein Partner HIV-positiv ist und der andere seit Jahrzehnten negativ, weil sie die Spielregeln im Sexualleben beachten. Daher geht mit den Menschen wie mit Menschen um, damit helft Ihr am meisten!

KoKo-S: Wir danken Dir vielmals für dieses offene Interview und Deine Zeit, die Du Dir für uns genommen hast :)

Weitere Hintergrundinfos von Robert:

KoKo-S: Wie sieht es aus mit der Ansteckung?
Robert: Die Geschichten mit schmuddeligen Verhaltensweisen bei Ärzten und in Krankenhäusern sind absolute Ausnahmen, eher Sensationsmeldungen. Über 90% der in unseren Breitengraden infizierten, haben sich sexuell angesteckt. Auf der ganzen Welt ist das von Region zu Region verschieden. In Osteuropa gibt es sehr hohe Quoten durch Drogenmissbrauch, weil die Menschen nicht so einfach an sauberes, frisches Spritzbesteck kommen und das Virus sich durch alte, gebrauchte und weitergereichte Spritzen überträgt. In Deutschland ist das ein sehr geringer Teil, weil die Möglichkeiten sich stark verbessert haben.


KoKo-S: Woher kommt HIV ursprünglich? Wie ist die Übertragungs"rate"?
Robert: Es gibt verschiedene Theorien, von denen die meisten allerdings Verschwörungstheorien sind, die man in diesem Fall nicht wirklich ernst nehmen sollte, auch wenn sie an manchen Stellen vielleicht logisch klingen.

Die am Theorie, die als relativ gesichert gilt, ist daher die "Affentheorie". Es gibt eine bestimmte Affenart in Afrika, die ein Virus in sich trägt, das dem HI-Virus sehr ähnlich ist - nahezu identisch. Durch die Jagd, durch Bisse aber wahrscheinlich sogar noch eher dadurch, dass von den Affen ein Serum als Impfstoff gegen Polio gewonnen wurde, konnte sich das Virus auf den Menschen übertragen und sich ausbreiten.

Wann das genau war, lässt sich kaum nachvollziehen. Die Ersten Fälle von HIV beim Menschen wurden 1981 bekannt. Aber es könnte sehr gut sein, dass es HIV schon vor über 100 Jahren gegeben hat, es aber kaum auffiel, weil die Menschen in Afrika grundsätzlich schneller oder früher sterben. Es fiel einfach durch die Normalität des Sterbens nicht auf. HIV ist auch keine Krankheit, sondern eine Immunschwäche.

In den USA wurden dann die ersten Fälle bei homosexuellen Männern festgestellt, die auch relativ früh daran starben. HIV bekam den Stempel "Schwulenseuche". Natürlich ist es nicht ganz von der Hand zu weisen, dass bestimmte schwule Sexualpraktiken (unterschützter Analverkehr) eine Infizierung viel mehr begünstigen.

Der Darm ist schlicht ein sehr empfindliches Organ, welches leicht verletzt werden kann und es dort auch Zellen gibt, die das Virus viel schneller aufnehmen, als beispielsweise die Mundschleimhautzellen. Es dauerte allerdings ein paar Jahre, bis man sicher sagen konnte, was es ist und wie es funktioniert. Damals ahnte man erst einmal nur, dass es etwas neues sein könnte, das sexuell übertragen wird.

Allerdings ist Analverkehr bei heterosexuellen Menschen auch nicht unbekannt, und das Virus kann sich natürlich auch bei ungeschütztem Vaginalverkehr übertragen. Begünstigt wird die Übertragung allerdings auch durch einen stetigen Partnerwechsel, was eine Untergruppe in der Schwulenszene intensiv ungeschützt praktiziert, was in den letzten Jahren dazu geführt hat, dass es wieder mehr Fälle bei homosexuellen Männern gibt, und wir leider dem Klischee der "Schwulenseuche" wieder näher kommen.

Schaut man sich die Lage allerdings global an, so ist es in Asien und Afrika hauptsächlich eine heterosexuelle Geschichte. Vor allem in Asien. Hier sind Frauen sind biologisch auch stärker gefährdet als Männer. Weltweit ist es daher eben doch keine "Schwulengeschichte". Natürlich ist aus oben genannten Gründen etwas dran, aber von diesem Klischee als solches müssen wir unbedingt wegkommen!

Die Regionen lassen sich auch nach anderen Kriterien gliedern, wie beispielsweise dem Stand der Bildung, der Einfachheit an Kondome zu kommen, der Aufklärung, verschiedener kultureller und religiöser Aspekte, die das Thema oder was damit zusammenhängt (beispielsweise Kondome) tabuisieren. Dann wiederum gibt es die Leute, die es genau besser wissen und dennoch verhalten sie sich beim Sex nicht so.

Man denke nur an den einen Abend, an dem man vielleicht ein Gläschen zu viel getrunken hat und sich am Morgen "danach" fragt, wie man so blöd sein konnte, ungeschützt mit jemandem zu schlafen. Das Thema wird auch nicht angesprochen, beispielsweise in nachfolgenden Beziehungen. Es sollte definitiv thematisiert werden, doch die meisten Menschen spielen es runter ("War doch nur einmal", "Mich trifft das eh nicht", usw.). Das tückische ist vor allem das Schweigen, denn intimste Themen anzusprechen wird in unserer eigentlich so offenen Gesellschaft tabuisiert, es wirkt auch nicht greifbar und muss erst lernen, das Darüber-Sprechen zur Selbstverständlichkeit zu machen.

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