Zum
Anlass des Welt-Aids-Tages, aber auch, weil
dieses Thema ein Thema für 365 Tage im
Jahr ist, durften wir in Zusammenarbeit mit
der Aids-Hilfe
in Freiburg ein Interview mit Martin (Name
von der Redaktion geändert) führen,
der uns über seine ganz persönliche
Geschichte und sein Leben mit dem HI-Virus
Rede und Antwort gestanden hat.
Wir
bedanken uns herzlich bei Robert Sandermann
von der AIDS-Hilfe Freiburg e.V. aus dem Fachbereich
Prävention und Öffentlichkeitsarbeit,
der uns dieses Interview vermittelte, und
auch selbst für alle Fragen jederzeit
zur Verfügung stand. Des weiteren möchten
wir uns aber vor allem bei Martin bedanken,
der sich die Zeit genommen hat, und so offen
für unsere Fragen war. Es hat uns sehr
gefreut, Euch beide kennenzulernen :)

KoKo-S:
Wie alt bist Du?
Martin:
Ich bin jetzt 46 Jahre alt.
KoKo-S:
Und wie geht es Dir im Augenblick?
Martin:
Mein Allgemeinzustand ist
gut, bis auf ein paar Kleinigkeiten, die allerdings
nicht direkt mit HIV zu tun haben.
KoKo-S:
Wann wurde HIV bei Dir festgestellt?
Martin:
1993 ging ich zu meinem Hausarzt, weil ich
damals eine Grippe hatte. Bei dieser Gelegenheit
fragte ich ihn, ob es möglich wäre,
einen HIV-Test durchführen zu lassen.
Zwei Wochen später war das Ergebnis des
Tests da und als auch der anschließende
Bestätigungstest das "positive"
Ergebnis bestätigte, wurde ein großer
Bluttest gemacht, bei dem sämtliche testmessbaren
Werte herausgefiltert wurden. Somit konnte
man feststellen, dass ich mich etwa in den
Jahren 1988/89 angesteckt haben muss. Meine
Werte waren so grottenschlecht, dass es für
mich "kurz vor knapp" war.
Rückblickend
kann ich sagen, dass ich in der Ansteckungszeit
ganz diffuse Beschwerden hatte, die schon
damals auf eine HIV-Infektion hätten
schließen lassen, da es gewisse körperliche
Symptome gibt, die durchaus mit einer frischen
Infizierung in Zusammenhang gebracht werden
könnten.
Bei
mir war es beispielsweise derartig heftiger
Nachtschweiß, der mit solch einer Intensität
vorhanden war, dass ich zwei Mal in einer
Nacht die Bettwäsche wechseln musste,
und das Tage lang immer wieder mal. Des weiteren
hatte ich geschwollene Lymphdrüsen. Ich
habe auch schon etwas geahnt, doch wie es
häufig ist, sagte ich mir auch, dass
es bestimmt irgendetwas anderes ist. Die Symptome
sind nach einiger Zeit auch wieder verschwunden.
Ich war damals unabhängig davon in einer
Art depressiven Phase oder auch persönlichen
Krise und habe diese ersten Anzeichen damit
in Verbindung gebracht.
Als
ich dann für anderthalb Jahre in England
wohnte, hatte ich bis auf eine kleine Infektion
nichts gesundheitlich auffälliges. 1993
kam ich zurück nach Deutschland und wenn
ich nicht einen Bekannten gehabt hätte,
der HIV-positiv gewesen wäre, wäre
das vielleicht nicht so schnell diagnostiziert
worden.
Mein
Bekannter ist damals nicht zum Arzt gegangen,
obwohl er genau wusste, dass er HIV-positiv
war. Er wollte sich nicht behandeln lassen
und eines Tages war seine Gesundheit so angeschlagen,
dass er ins Krankenhaus musste, in dem er
8 Wochen lag. Es kam noch eine TB (Tuberkulose)
dazu. Das war ausschlaggebend, dass ich sagte,
dass, sollte ich HIV-positiv sein, ich es
nicht so weit kommen lassen wollte. Das war
auch ausschlaggebend, warum ich mich habe
testen lassen, als ich diese Grippesymptome
hatte.
KoKo-S:
Wie ging es Dir mit dieser Diagnose in der
ersten Zeit?
Martin:
Obwohl ich es indirekt geahnt hatte, war es
zuerst einmal ein Schreck. Dazu kam, dass
man damaliger Hausarzt, ein Allgemeinmediziner,
sich nicht so gut auskannte und ich mir einen
anderen Arzt gesucht habe, weil ich merkte,
dass mein Hausarzt mit der Diagnose nicht
zurecht kam.
Auf
dem "Weg dorthin" sind dann noch
ein paar Malheure passiert, die eigentlich
nicht hätten passieren sollen. Der zweite
Arzt hatte mir nach einem weiteren Test geraten,
in eine spezielle Praxis zu gehen und gab
mir einen Brief für diese mit. Ich als
neugieriger Mensch habe diesen Brief geöffnet
und darin stand, dass "der Patient sich
im AIDS-Vollstadium befindet", was man
mir nicht gesagt hatte. Das war für mich
ein großer Schock, weil die Prognose
der Lebenserwartung damals bei 1-2 Jahren
lag.
Mein
nächster Arzt war sehr locker und schrieb
mich erst einmal komplett krank. Zu dieser
Zeit gab es nur die Monotherapie (Anmk. d.
Red.: Monotherapie - Behandlung mit nur einem
Medikament; heutzutage behandelt man mit drei
verschiedenen Medikamenten, was die Therapie
erfolgreicher macht -> Kombinationstherapien).
Es tat gut, einen Arzt vor sich sitzen zu
haben, der sich mit der Materie auskannte,
was meine innere Situation auch sehr verbesserte,
weil ich mich trotz des ersten Schreckens
und Schocks in Fachhänden gut aufgehoben
gefühlt habe.
KoKo-S:
Und wie ist es jetzt?
Martin:
Heute bin ich ein Oldie. Es geht mir körperlich
soweit gut. Seelisch drückt mich aber
doch manchmal die Frage, wie lange die Medikamente
noch wirken, da ich nicht weiß, wie
lange mein Zustand noch so gut bleibt. Auch
ist die Frage, ob mein Körper eine neue
Therapie, insoweit ich diese dann machen muss,
verträgt, da das nicht gewährleistet
werden kann. Vor allem bin ich nicht nur HIV-positiv,
sondern habe noch ein paar andere gesundheitliche
Probleme wie beispielsweise einen Herzfehler.
Diese anderen Krankheiten könnten bei
einer anderen, neuen Therapie Probleme machen,
weil die Medikamente aufeinander abgestimmt
werden müssen und nicht alles mit allem
einfach so kombinierbar ist.
KoKo-S:
Wie hast Du Dich angesteckt?
Martin:
Ich habe mich über unterschützten
Sex mit dem Virus infiziert.
KoKo-S:
Wann brach die Krankheit aus?
Martin:
Das ist heutzutage so eine Sache. Wenn man
davon spricht, dass AIDS ausgebrochen ist,
dann spricht man vom Vollbild der Krankheit.
Das Überweisungsdokument von meinem damaligen
Arzt, in dem stand, dass ich mich im AIDS-Vollstadium
befände, ist nach heutigem Ermessen nicht
korrekt.
Damals
sagte man, dass man dieses Vollstadium erreicht
habe, wenn die CD4-Zellen auf den Wert 200
abgesunken sind. Der normale CD4-Zellen-Wert
liegt zwischen 600 und 1000, und wenn dieser
Wert auf 200 liegt, spricht man von einem
ernsthaften Immundefekt. Zum damaligen Zeitpunkt
lag mein Wert auf 90. Doch merkte man im Laufe
der Therapien auch, dass diese Zellen genauso
schnell wieder ansteigen können, sodass
man aus diesem Gefahrenbereich wieder heraus
kommt. Was also macht man dann mit der Diagnose,
dass AIDS ausgebrochen sei?
Also
ging die Amerikanische Zulassungsbehörde
einen Schritt weiter und sagte, dass das Vollstadium
dann erreicht sei, wenn eine von 27 opportunistisch
möglichen Infektionen (OI) vorläge.
Um das etwas zu erklären: Es gibt bestimmte
Viren, die fast jeder Mensch in sich trägt,
mit einem normalen Immunsystem allerdings
merkt niemand etwas davon. Wenn das Immunsystem
allerdings sehr stark eingeschränkt ist,
dann kann z. B. eine von diesen Krankheiten
ausbrechen.
(Anmk.
der Red.: Das ist vergleichbar mit dem Herpesvirus,
den fast jeder Mensch in sich trägt,
aber Herpes bricht nicht bei jedem aus. Herpes
ist hier allerdings nicht gemeint, es soll
nur verdeutlichen, was gemeint ist mit den
Viren, die in jedem Menschen schlummern).
Heutzutage
benennt man das AIDS-Vollbild ausschließlich
dann, wenn totales Therapieversagen vorliegt
und keine Medikamente mehr helfen und der
Körper des-/derjenigen nur noch abbaut.
Das allerdings kommt nur noch sehr selten
vor. Grundsätzlich also spricht man heutzutage
also nur noch davon, dass man HIV positiv
ist.
KoKo-S:
Wie reagierte Dein Umfeld?
Martin:
Bei der Arbeit haben sie sehr gemischt reagiert.
Ich arbeitete mit jungen Leuten im Musikbereich
zusammen und man sollte eigentlich meinen,
dass man hier mehr Toleranz erfahren könnte,
was allerdings nicht so war. Ich wurde von
einem Teil sogar richtiggehend gemobbt in
Form von dummen Sprüchen und Spitzfindigkeiten.
Bei den einen zeigte sich dadurch komplette
Unsicherheit durch Unwissenheit, und bei den
anderen ihre eigentliche, doch nicht ganz
so liberale Gesinnung, wie sie es zuvor vermittelt
hatten.
In
meinem direkten Umfeld gab es etliche Leute,
die HIV-positiv waren und somit gab es hier
keinerlei Probleme. Es war auch recht leicht
für mich, mich ihnen zu offenbaren, weil
sie mir auch direkt weiterhelfen konnten,
was Informationen anbelangte, und auch vor
allem, mit dieser Tatsache umgehen zu lernen.
Meinen
Verwandten gegenüber hatte ich ein General-Coming-Out,
das war eigentlich so nicht von mir angedacht
gewesen, aber ich merkte, dass ich meine Energie
für mich brauchte, und dass Lügen
oder Erfindungen mehr Energie kosten würde,
als ich hatte. Dementsprechend habe ich reinen
Tisch gemacht und meinen Verwandten einen
Brief geschrieben, habe ihnen alles erklärt
und ihnen dann aber auch freigestellt, ob
sie noch Kontakt mit mir haben möchten
oder nicht.
Damit
habe ich wunderbare Erfahrungen machen dürfen,
denn wir konnten dadurch ein sehr enges Verhältnis
aufbauen.
KoKo-S:
Was hast Du beruflich gemacht bzw. arbeitest
Du auch heute noch in diesem Beruf?
Martin:
Ich habe bei WOM gearbeitet. Dadurch aber,
dass ich durch verschiedene Faktoren immer
schwächer geworden bin, habe ich eine
Umschulung beantragt. Diese allerdings wurde
wegen meiner Diagnose nicht genehmigt, weil
man damals dachte, dass es rausgeschmissenes
Geld wäre, jemandem eine teure Umschulung
zu genehmigen, wenn dieser doch sowieso bald
unter der Erde läge. Daraufhin bin ich
dann in Frührente gegangen und war vorerst
aus dem Arbeitsfeld draußen, um mich
auf mich zu konzentrieren.
Ich
habe dann angefangen, ehrenamtlich zu arbeiten,
und um neben meiner Rente noch etwas zu verdienen,
hatte ich ein paar geringfügige Jobs,
wovon ich einen heute weiterhin ausübe.
KoKo-S:
Muss man bei der Arbeit angeben, dass man
HIV-positiv ist?
Martin:
Nein, der einzige Berufszweig, bei dem ich
weiß, dass man es angeben muss und das
nicht in der Medizin, sondern der Beruf als
Pilot. Frag' mich allerdings nicht warum,
denn auch als Lokomotivführer oder Busfahrer
muss man auf einen gewissen Verkehr achten,
und die Medikamente verursachen oft starke
Nebenwirkungen wie beispielsweise Konzentrationsschwächen.
Erwähnen müsste man eher Hepatitis
C, weil diese Krankheit leichter übertragbar
ist, als der HI-Virus.
KoKo-S:
Welche Erfahrungen musstest, oder auch durftest
Du im Bezug auf Deine Krankheit machen?
Martin:
Dass meine Verwandten und sich eine so enge
Bindung aufbauen konnte, was vor der Krankheit
nicht unbedingt so war, war eine wirklich
positive Erfahrung. Zuvor war es manchmal
etwas aufgesetzt.
Negative
Erfahrungen hatte ich bei zwei, drei Leuten,
die so reagierten, wie ich es mir nicht hätte
vorstellen können. Allerdings nehme ich
es ihnen jetzt im Nachhinein nicht übel,
da sie es von ihrer Warte aus gesehen haben
und ihre Gründe hatten. Es war auch keine
diskriminierende Reaktion. Was mich sehr erstaunt
hatte, war eine Situation, in der ich gesagt
bekommen habe, ich solle nicht so offen mit
meiner Krankheit umgehen. Verwundert hat mich
das deshalb, weil man in diesem Bereich ständig
mit dem Sterben und todkranken Menschen zu
tun hat. Gerade in diesem Bereich hätte
ich gedacht, dass man offen über solche
Themen sprechen könnte. Heute allerdings
weiß ich, dass es so nicht gemeint war,
wie es damals bei mir ankam.
Momentan
arbeite ich auch in einem Bereich, in dem
sehr viele osteuropäische Menschen arbeiten,
die eine eigenwillige Schwarz-Weiß-Einstellung
haben. Es ist kulturell bedingt und fast alle
von ihnen oder auch anderen Kulturen glauben,
dass man sich anstecken könne, wenn man
mit einem HIV-positiven Menschen in einem
Raum oder dergleichen ist. Insofern habe ich
dort nichts von meiner Erkrankung erzählt.
Aber
grundsätzlich habe ich doch sehr viele
positive Erfahrungen machen dürfen. Ich
bekomme allerdings bei meiner ehrenamtlichen
Tätigkeit in der AIDS-Telefonberatung
von sehr vielen Betroffenen negative Erfahrungen
mit. Es gibt sehr viel Unwissenheit einerseits,
aber auch sehr viel Ignoranz und Borniertheit
auf der anderen Seite.
Leider
hat sich von der Einstellung der Menschen
zu diesem Thema in den letzten 30 Jahren,
in denen das Thema AIDS überhaupt ein
Thema ist, nicht sehr viel geändert.
Das einzige, das sich geändert hat, ist,
dass sich immer mehr Leute infizieren. Trotz,
dass man heutzutage mehr darüber spricht,
herrschen weiterhin die gleichen Vorurteile
wie damals. Beispielsweise, dass man sich
infizieren kann, wenn man mit einem HIV-positiven
Patienten im selben Raum ist, oder vom selben
Glas trinkt/mit dem selben Besteck isst, wie
auch der Gefahr, sich beim Zahnarztbesuch
anstecken zu können.
Man
sollte eigentlich denken, dass infolge der
ganzen Aufklärung diese Vorurteile abgebaut
werden können, aber dem ist nicht so.
Vielleicht liegt es auch daran, dass beim
Thema HIV auch sehr stark das Intime angesprochen
wird; und in kaum einem anderen Bereich wird
mehr gelogen als im Bereich der Sexualität.
Die Gesellschaft glaubt, dass etwas mit ihm
oder ihr nicht stimmt, wenn er/sie HIV-positiv
ist, und dieser jemand habe dann wohl nicht
so gelebt, wie es der Moral entsprechend hätte
passieren sollen. Dies zeugt von einer riesigen
Heuchelei, wenn man sich die Anzahl von Swinger-Clubs
oder den Erfolg der Pornoindustrie anschaut.
In
unseren Breitengraden ist die häufigste
Übertragungsrate nun einmal im sexuellen
Bereich zu suchen, aber davon betroffen kann
absolut jeder sein, der sich nicht (mit Kondomen)
schützt.
KoKo-S:
Wie gehst Du im Alltag mit der Krankheit um,
und was hat sich verändert? Worauf musst
Du verzichten?
Martin:
Mein Freundes- und Bekanntenkreis besteht
entweder nur aus HIV-Positiven, oder Leuten,
die damit definitiv gut umgehen können.
Verzichten muss ich auf das, was auch mit
dem Alter zu tun hat. Früher dachte man,
dass es z. B. mit den Nebenwirkungen der Medikamente
zu tun hat, wenn es einem nicht gut geht.
Heute weiß ich, dass es auch einfach
an den "Verschleißerscheinungen"
des Älterwerdens liegt, wenn ich etwas
nicht machen kann.
Verzichten
muss ich allerdings auf ein paar Illusionen,
die ich mir gemacht hatte. Träume, die
ich hatte. Auf der anderen Seite haben sich
aber auch andere Türen für mich
geöffnet. Durch die HIV-Infektion ist
mein Leben einfach sehr viel bewusster geworden,
um nicht sogar zu sagen: sinnvoller.
Ohne
die Infektion wäre ich heute wahrscheinlich
ein frustrierter Harz-IV-Empfänger ohne
Aussichten, da ich schulausbildungstechnisch
"nur" Hauptschüler bin. Ich
hatte damals nicht die Möglichkeit, noch
einmal die Schule zu besuchen, um einen besseren
Abschluss zu bekommen. Ich komme aus eher
schwierigen Familienverhältnissen und
musste mehr oder weniger um des Überlebens
Willen arbeiten.
Heute
kann ich dank meiner Rente und meinem Nebenverdienst
ehrenamtlich in Bereichen arbeiten, in die
ich andernfalls gar nicht hinein gekommen
wäre, weil ich mich um den Erhalt meiner
Existenz hätte kümmern müssen,
und mir dementsprechend einfach die Möglichkeiten
gefehlt hätten. Somit hat mir die Krankheit
komischerweise eben eher Türen geöffnet,
die andernfalls verschlossen geblieben wären.
Durch
viele Gespräche mit anderen Betroffenen
weiß ich allerdings, dass ich eher eine
Ausnahme und ein Einzelfall bin. Die meisten
kommen mit ihrer Krankheit überhaupt
nicht zurecht, und teilweise möchten
sie nicht einmal darüber sprechen. Es
gibt etliche, die sich aufgrund der Diagnose
sehr bewusst zugrunde richten. Man versucht
es ihnen auszureden, oder Tipps zu geben,
doch letztendlich ist es eine sehr individuelle
Krankheit, auf die jeder ganz persönlich
seine Entscheidung trifft.
KoKo-S:
Welche Ziele möchtest Du gerne verwirklichen,
und haben sich diese Ziele mit der Diagnose
verändert?
Martin:
Im Grunde habe ich nur ein Ziel, das mit HIV
allerdings nichts zu tun hat. Dieses Ziel
ist ein sehr persönliches Ziel, denn
ich möchte zu dem Menschen werden, der
ich eigentlich bin.
Meine
Tätigkeiten helfen mir dabei, dorthin
zu kommen. Im Augenblick lebe ich mein Leben
genau so, wie ich es brauche und wie ich es
auch möchte. Die Erfahrungen, die ich
derzeit mache, stehen damit in völligem
Einklang, und daher kann ich sagen, dass mein
Lebensweg im Augenblick genauso verläuft,
wie er verlaufen soll.
KoKo-S:
Was würdest Du unseren Lesern gerne mitteilen,
welche Botschaft möchtest Du mitgeben?
Martin:
Passt auf Euch auf! Beachtet die Safer-Sex-Spielrregeln!
Sprecht offen über das Thema Sex und
seid in jedem Fall ehrlich, wenn Ihr irgendetwas
nicht wisst und erkundigt Euch.
Wenn
Ihr jemanden trefft, der HIV-positiv ist,
egal, ob er es Euch selbst sagt, oder Ihr
es irgendwie heraus bekommt, behandelt ihn/sie
als völlig normalen Menschen, denn damit
könnt ihr den Betroffenen am meisten
helfen. Am allermeisten schaden könnt
Ihr HIV-positive Menschen, wenn Ihr sie nicht
wie normale Menschen behandelt. Die Medizin
ist heutzutage so weit, dass man diese Krankheit
gut behandeln kann und daher verhätschelt
Betroffene nicht extra, meidet und diskriminiert
sie nicht.
Man
kann HIV nicht bekommen, wenn man mit einem
HIV-Positiven im gleichen Raum ist, man kann
sich nicht anstecken, wenn man jemandem die
Hand gibt, oder ihn in den Arm nimmt und knuddelt,
oder normal zusammenlebt. Es gibt Ehepaare,
von denen ein Partner HIV-positiv ist und
der andere seit Jahrzehnten negativ, weil
sie die Spielregeln im Sexualleben beachten.
Daher geht mit den Menschen wie mit Menschen
um, damit helft Ihr am meisten!
KoKo-S:
Wir danken Dir vielmals für dieses offene
Interview und Deine Zeit, die Du Dir für
uns genommen hast :)
Weitere
Hintergrundinfos von Robert:
KoKo-S:
Wie sieht es aus mit der Ansteckung?
Robert:
Die Geschichten mit schmuddeligen Verhaltensweisen
bei Ärzten und in Krankenhäusern
sind absolute Ausnahmen, eher Sensationsmeldungen.
Über 90% der in unseren Breitengraden
infizierten, haben sich sexuell angesteckt.
Auf der ganzen Welt ist das von Region zu
Region verschieden. In Osteuropa gibt es sehr
hohe Quoten durch Drogenmissbrauch, weil die
Menschen nicht so einfach an sauberes, frisches
Spritzbesteck kommen und das Virus sich durch
alte, gebrauchte und weitergereichte Spritzen
überträgt. In Deutschland ist das
ein sehr geringer Teil, weil die Möglichkeiten
sich stark verbessert haben.
KoKo-S:
Woher kommt HIV ursprünglich? Wie ist
die Übertragungs"rate"?
Robert:
Es gibt verschiedene Theorien, von denen die
meisten allerdings Verschwörungstheorien
sind, die man in diesem Fall nicht wirklich
ernst nehmen sollte, auch wenn sie an manchen
Stellen vielleicht logisch klingen.
Die
am Theorie, die als relativ gesichert gilt,
ist daher die "Affentheorie". Es
gibt eine bestimmte Affenart in Afrika, die
ein Virus in sich trägt, das dem HI-Virus
sehr ähnlich ist - nahezu identisch.
Durch die Jagd, durch Bisse aber wahrscheinlich
sogar noch eher dadurch, dass von den Affen
ein Serum als Impfstoff gegen Polio gewonnen
wurde, konnte sich das Virus auf den Menschen
übertragen und sich ausbreiten.
Wann
das genau war, lässt sich kaum nachvollziehen.
Die Ersten Fälle von HIV beim Menschen
wurden 1981 bekannt. Aber es könnte sehr
gut sein, dass es HIV schon vor über
100 Jahren gegeben hat, es aber kaum auffiel,
weil die Menschen in Afrika grundsätzlich
schneller oder früher sterben. Es fiel
einfach durch die Normalität des Sterbens
nicht auf. HIV ist auch keine Krankheit, sondern
eine Immunschwäche.
In
den USA wurden dann die ersten Fälle
bei homosexuellen Männern festgestellt,
die auch relativ früh daran starben.
HIV bekam den Stempel "Schwulenseuche".
Natürlich ist es nicht ganz von der Hand
zu weisen, dass bestimmte schwule Sexualpraktiken
(unterschützter Analverkehr) eine Infizierung
viel mehr begünstigen.
Der
Darm ist schlicht ein sehr empfindliches Organ,
welches leicht verletzt werden kann und es
dort auch Zellen gibt, die das Virus viel
schneller aufnehmen, als beispielsweise die
Mundschleimhautzellen. Es dauerte allerdings
ein paar Jahre, bis man sicher sagen konnte,
was es ist und wie es funktioniert. Damals
ahnte man erst einmal nur, dass es etwas neues
sein könnte, das sexuell übertragen
wird.
Allerdings
ist Analverkehr bei heterosexuellen Menschen
auch nicht unbekannt, und das Virus kann sich
natürlich auch bei ungeschütztem
Vaginalverkehr übertragen. Begünstigt
wird die Übertragung allerdings auch
durch einen stetigen Partnerwechsel, was eine
Untergruppe in der Schwulenszene intensiv
ungeschützt praktiziert, was in den letzten
Jahren dazu geführt hat, dass es wieder
mehr Fälle bei homosexuellen Männern
gibt, und wir leider dem Klischee der "Schwulenseuche"
wieder näher kommen.
Schaut
man sich die Lage allerdings global an, so
ist es in Asien und Afrika hauptsächlich
eine heterosexuelle Geschichte. Vor allem
in Asien. Hier sind Frauen sind biologisch
auch stärker gefährdet als Männer.
Weltweit ist es daher eben doch keine "Schwulengeschichte".
Natürlich ist aus oben genannten Gründen
etwas dran, aber von diesem Klischee als solches
müssen wir unbedingt wegkommen!
Die
Regionen lassen sich auch nach anderen Kriterien
gliedern, wie beispielsweise dem Stand der
Bildung, der Einfachheit an Kondome zu kommen,
der Aufklärung, verschiedener kultureller
und religiöser Aspekte, die das Thema
oder was damit zusammenhängt (beispielsweise
Kondome) tabuisieren. Dann wiederum gibt es
die Leute, die es genau besser wissen und
dennoch verhalten sie sich beim Sex nicht
so.
Man
denke nur an den einen Abend, an dem man vielleicht
ein Gläschen zu viel getrunken hat und
sich am Morgen "danach" fragt, wie
man so blöd sein konnte, ungeschützt
mit jemandem zu schlafen. Das Thema wird auch
nicht angesprochen, beispielsweise in nachfolgenden
Beziehungen. Es sollte definitiv thematisiert
werden, doch die meisten Menschen spielen
es runter ("War doch nur einmal",
"Mich trifft das eh nicht", usw.).
Das tückische ist vor allem das Schweigen,
denn intimste Themen anzusprechen wird in
unserer eigentlich so offenen Gesellschaft
tabuisiert, es wirkt auch nicht greifbar und
muss erst lernen, das Darüber-Sprechen
zur Selbstverständlichkeit zu machen.