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Schülerzeitung des Kopling Kollegs Freiburg

 

 

In der Welt der Leiharbeit
Ein Bericht von Simone Schneider
Artikel der Schülerzeitung des Kopling Kollegs Freiburg

In den Sommerferien, Anfang August, hatte ich, nachdem ich mich auf eine winzige Anzeige im Wochenblatt gemeldet hatte, meinen ersten – und letzten – Arbeitstag als Regalauffüllerin bei einer großen Supermarktkette – und die Zeiten, als ich in den Sommerferien bei einer Lahrer Armaturenfabrik an einer Maschine Gewinde gefräst hatte, schienen mir plötzlich paradiesisch.

An einem Mittwoch um 6 Uhr 30 trat ich meine Arbeit an – nachdem ich um
4 Uhr 30 aufgestanden war (die Busverbindungen …). Vor den Supermarkttüren standen bereits einige Leute. Unter anderem der Vorarbeiter, der Anekdoten aus seinem Leben erzählte, Kaffee trank und Zigaretten schnorrte. Um 7 Uhr dann war endlich die Ware geliefert - und mit der Anweisung: Es könne nun angefangen werden, wurde uns die Haupteingangstür geöffnet.

Schön wäre es gewesen, wenn jemand da gewesen wäre, der uns irgendetwas erklärt hätte. Wir waren drei Leute, die ihren ersten Arbeitstag, und noch einmal drei, die ihren zweiten Arbeitstag hatten: eingearbeitet sollten wir „Neuen“ also von den „Erfahrenen“ werden: von denen, die den zweiten Tag dort waren.

Es wurde kein Ton über irgendetwas verloren; Wagen mit Paletten wurden aus dem Lagerraum gefahren, die beiden „Chefs“ der Leiharbeitsfirma drückten jedem ein Messer in die Hand und sagten, dass wir etwa um 10 Uhr fertig sein müssten. Dann teilten sie uns mit, dass wir nichts trinken dürften, nichts essen, nicht aufs Klo gehen und es gebe genau eine Raucherpause. Da standen wir mit den Paletten – ohne den Markt zu kennen, ohne Erklärungen, wie einzuräumen und was zu beachten sei. Der Herr von der Leihfirma beobachtete uns etwa zehn Minuten (mir mitteilend, dass „vom Rumsteh'n und Glotzen keine Ware ins Regal kommt“ – Tatsächlich? Aber die Ware sagt mir auch nicht von allein, wo sie hinkommt!), um sich dann mit seinem Vorarbeiter aus dem Staub zu machen.

Nach dem raschen Abgang der Leiharbeitsfirmaherren tauchte eine obere Person des Supermarktes auf; eine Frau, die man, freundlich formuliert, als „forsch“ bezeichnen könnte, und schiss uns erstmal kollektiv zusammen – wir bekamen das ab, was eigentlich unsere „Leihchefs“ hätten abkriegen sollten. Als die Dame dann bei einem Kontrollgang entdeckte, dass der Eistee beim Orangensaft einsortiert worden war, brachte sie dies zu einem neuerlichen hysterischen Anfall und dem Aufschrei: „Die können ja nicht mal lesen!!!“. Und dann fragte sie mich, ob ich das gewesen sei – alle anderen hatten es bereits abgestritten (Na ja, wenn ich eins kann, dann lesen).

Ich wusste, dass es der kaum Deutsch sprechende, und darum auch mit dem Lesen Probleme habende junge Mann gewesen war, der die Getränkepakete eingeräumt hatte – das sagte ich natürlich nicht, (da ich 1. nicht petze und 2. als Katholikin ja jeglichem Märtyrertum sehr nahe stehe) und galt dann bei der forschen Dame nicht nur als jemand, der nicht lesen kann, sondern auch noch als jemand, der in Sachen Eistee – und somit generell! – unaufrichtig ist.

Auch als eine Frau mittleren Alters gesagt hatte, dass sie Medikamente nehmen müsse und deshalb auch regelmäßig trinken, bekam sie nur zu hören, dass das „ihr Problem“ sei.
Die Forsche befleißigte sich uns gegenüber weiterhin eines Tones, der schließlich dazu führte, dass die Frau mittleren Alters alles hinschmiss und dazu nur sagte, sie habe über 20 Jahre geputzt – aber so hätte man sie noch nirgends behandelt.

Ich dachte nur, dass ich ebenfalls keine Lust habe, mich von einer Frau mit
dem IQ eines Toastbrots (wer das für hochmütig hält, hätte die Forsche erleben müssen!) zusammenschreien zu lassen … Die ersten – im Übrigen Männer – gingen dann um Zwölf (man hatte ihnen Geld bar auf die Hand versprochen, das sie nicht bekamen), so dass das Ganze schwere Zeug (Mehl, Zucker, Bierfässer etc.) an uns Frauen hängen blieb.
Und das forsche Toastbrot bemerkte so nebenbei, dass die Leihfirma eben „ein Subunternehmen“ sei – „Wenn Sie wissen, was das ist“ (O-Ton!).

Es hieß dann auch, dass die Supermarktkette früher das Regale-Einräumen selbst betreute – und dass da wochenlang eingearbeitet wurde und niemand auf sich allein gestellt gewesen sei …
Letztlich waren wir dann noch zu dritt und hatten alles Liegengebliebene aufzuarbeiten.

(Unser kleines, subversives Vergnügen bestand dann übrigens darin, eine durch unsere Messer leicht beschädigte Plastikflasche – „Die müssen Sie bezahlen!“ -, aus der die Cola tröpfelte, ganz hinten ins Colaflaschenregal zu räumen …)

Nach dem Einräumen folgte dann schließlich noch das so genannte „Spiegeln“:
Hier muss durch alle Gänge des Supermarktes gegangen und die Ware überall so hingerückt werden – also nach vorne – dass es danach aussieht, als seien die Regale alle voll. (Wer das für eine angenehme oder gar entspannende Arbeit hält, soll’s mal probieren … Seither erstarre ich vor Ehrfurcht, wenn ich irgendwo „sauber gespiegelte“ Supermarktregale vorfinde ...)

Dies alles führte dann dazu, dass wir genau um 15 Uhr 30 den Ort des Grauens verließen: nach genau 9 (in Worten: neun) Arbeitsstunden ohne Pause und ohne Trinken.
Die einzelnen Waren habe ich bereits nach ein paar Stunden nicht mehr wirklich erkannt – vor meinen Augen war alles nur noch ganz furchtbar bunt.

Bezahlt werden übrigens 5 Euro die Stunde – allerdings nicht für alle neun Stunden, die wir gearbeitet haben, sondern am Tag höchstens 25 Euro (so erfuhren wir hinterher) – Denn wenn wir nicht in der angesetzten Zeit fertig würden, dann seien wir „selbst schuld“…

Als ich dann draußen in der Nähe des Bürofensters noch eine Zigarette rauchte, konnte ich hören, wie die Forsche mit dem Marktleiter über die Leiharbeitsfirma sprach und zu ihm sagte: „Als ich gehört habe, dass der X da verantwortlich ist, wusste ich gleich: Das kann nichts werden …“

Als ich am nächsten Regalauffülltag wieder kurz vor 6 Uhr 30 vor dem Supermarkt stand, um meine 25-Euro-für-neun-Stunden-Arbeit abzuholen, standen bereits neue Arbeitswillige davor – und von „meiner Mannschaft“ war es genau eine Person. Alle anderen waren neu.

Der Chef der Leiharbeitsfirma war dann auch wenig erfreut, als ich mein Geld einforderte … Das „Gespräch“ gipfelte in der Aussage: „Ja, der erste Tag, das ist Probearbeit ... die wird nicht bezahlt …“ Als ich ihm sagte, dass niemand uns darauf hingewiesen hätte, war er natürlich anderer Meinung. Meine Telefonnummer solle ich ihm geben, er rufe mich zurück …Man wollte mich schnell loshaben, schließlich könnten ja die „neuen Opfer“ etwas davon mitbekommen, dass sie hier „für umsonst“ einen Tag lang schuften - und letztlich nur die Leiharbeitsfirma profitiert …

Angerufen hat mich übrigens niemand. Auch als ich anrief, wimmelte der Leiharbeitschef mich ab mit den Worten: „Hat man Sie noch nicht angerufen?!“
Meine weiteren Telefonversuche (an eine Festnetz- und zwei Handynummern aus der Anzeige) blieben erfolglos. Selbst ein Brief an die Zentrale der Leiharbeitsfirma in Stuttgart blieb ohne Antwort.

Eine Frau, die mit mir gearbeitet hatte, hat übrigens ihre 25 Euro bekommen, wie sie mir bei einem zufälligen Treffen erzählte – aber nur nach Drohungen mit der Polizei und der Presse in Richtung der Stuttgarter Zentrale. „Und noch etwas“, sagte sie, „den Herrn Vorarbeiter kennt in Stuttgart niemand.“

Für mich aber bleibt eine Sache erschreckend: Nicht die Rückenschmerzen nach
9 Stunden Arbeit ohne Pause; nicht die nie bekommenen 25 Euro; nicht, dass ich keinen Supermarkt mehr betreten kann, ohne zu schauen, ob er „gut gespiegelt“ ist, sondern dass jeden Regalauffüllmorgen, den der Supermarkt werden lässt, neue Menschen vor den Türen stehen, die wirklich auf Arbeit – auf diese Arbeit! – angewiesen sind.

Und obwohl die Machenschaften der Leiharbeitsfirma inzwischen wohl allen Beteiligten – auch dem Supermarkt und inzwischen auch den LeiharbeiterInnen selbst - klar sein sollten, läuft alles weiter wie bisher.

Immer wieder höre ich von Firmen, die ArbeiterInnen entlassen und dann über Leihfirmen neue einstellen – eine große Firma in der Gegend hat sogar, nachdem sie einige ihrer ArbeiterInnen entlassen hatte, genau diese an genau dem selben Arbeitsplatz über eine Leiharbeitsfirma wieder eingestellt – nur für weniger Geld.

Wo bleibt die Revolution der LeiharbeiterInnen?

Simone Schneider
Januar 2009

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