| In
den Sommerferien, Anfang August, hatte ich, nachdem
ich mich auf eine winzige Anzeige im Wochenblatt gemeldet
hatte, meinen ersten – und letzten – Arbeitstag
als Regalauffüllerin bei einer großen Supermarktkette
– und die Zeiten, als ich in den Sommerferien
bei einer Lahrer Armaturenfabrik an einer Maschine
Gewinde gefräst hatte, schienen mir plötzlich
paradiesisch.
An einem Mittwoch
um 6 Uhr 30 trat ich meine Arbeit an – nachdem
ich um
4 Uhr 30 aufgestanden war (die Busverbindungen …).
Vor den Supermarkttüren standen bereits einige
Leute. Unter anderem der Vorarbeiter, der Anekdoten
aus seinem Leben erzählte, Kaffee trank und Zigaretten
schnorrte. Um 7 Uhr dann war endlich die Ware geliefert
- und mit der Anweisung: Es könne nun angefangen
werden, wurde uns die Haupteingangstür geöffnet.
Schön
wäre es gewesen, wenn jemand da gewesen wäre,
der uns irgendetwas erklärt hätte. Wir waren
drei Leute, die ihren ersten Arbeitstag, und noch
einmal drei, die ihren zweiten Arbeitstag hatten:
eingearbeitet sollten wir „Neuen“ also
von den „Erfahrenen“ werden: von denen,
die den zweiten Tag dort waren.
Es
wurde kein Ton über irgendetwas verloren; Wagen
mit Paletten wurden aus dem Lagerraum gefahren, die
beiden „Chefs“ der Leiharbeitsfirma drückten
jedem ein Messer in die Hand und sagten, dass wir
etwa um 10 Uhr fertig sein müssten. Dann teilten
sie uns mit, dass wir nichts trinken dürften,
nichts essen, nicht aufs Klo gehen und es gebe genau
eine Raucherpause. Da standen wir mit den Paletten
– ohne den Markt zu kennen, ohne Erklärungen,
wie einzuräumen und was zu beachten sei. Der
Herr von der Leihfirma beobachtete uns etwa zehn Minuten
(mir mitteilend, dass „vom Rumsteh'n und Glotzen
keine Ware ins Regal kommt“ – Tatsächlich?
Aber die Ware sagt mir auch nicht von allein, wo sie
hinkommt!), um sich dann mit seinem Vorarbeiter aus
dem Staub zu machen.
Nach
dem raschen Abgang der Leiharbeitsfirmaherren tauchte
eine obere Person des Supermarktes auf; eine Frau,
die man, freundlich formuliert, als „forsch“
bezeichnen könnte, und schiss uns erstmal kollektiv
zusammen – wir bekamen das ab, was eigentlich
unsere „Leihchefs“ hätten abkriegen
sollten. Als die Dame dann bei einem Kontrollgang
entdeckte, dass der Eistee beim Orangensaft einsortiert
worden war, brachte sie dies zu einem neuerlichen
hysterischen Anfall und dem Aufschrei: „Die
können ja nicht mal lesen!!!“. Und dann
fragte sie mich, ob ich das gewesen sei – alle
anderen hatten es bereits abgestritten (Na ja, wenn
ich eins kann, dann lesen).
Ich
wusste, dass es der kaum Deutsch sprechende, und darum
auch mit dem Lesen Probleme habende junge Mann gewesen
war, der die Getränkepakete eingeräumt hatte
– das sagte ich natürlich nicht, (da ich
1. nicht petze und 2. als Katholikin ja jeglichem
Märtyrertum sehr nahe stehe) und galt dann bei
der forschen Dame nicht nur als jemand, der nicht
lesen kann, sondern auch noch als jemand, der in Sachen
Eistee – und somit generell! – unaufrichtig
ist.
Auch als eine Frau
mittleren Alters gesagt hatte, dass sie Medikamente
nehmen müsse und deshalb auch regelmäßig
trinken, bekam sie nur zu hören, dass das „ihr
Problem“ sei.
Die Forsche befleißigte sich uns gegenüber
weiterhin eines Tones, der schließlich dazu
führte, dass die Frau mittleren Alters alles
hinschmiss und dazu nur sagte, sie habe über
20 Jahre geputzt – aber so hätte man sie
noch nirgends behandelt.
Ich dachte nur, dass
ich ebenfalls keine Lust habe, mich von einer Frau
mit
dem IQ eines Toastbrots (wer das für hochmütig
hält, hätte die Forsche erleben müssen!)
zusammenschreien zu lassen … Die ersten –
im Übrigen Männer – gingen dann um
Zwölf (man hatte ihnen Geld bar auf die Hand
versprochen, das sie nicht bekamen), so dass das Ganze
schwere Zeug (Mehl, Zucker, Bierfässer etc.)
an uns Frauen hängen blieb.
Und das forsche Toastbrot bemerkte so nebenbei, dass
die Leihfirma eben „ein Subunternehmen“
sei – „Wenn Sie wissen, was das ist“
(O-Ton!).
Es hieß dann
auch, dass die Supermarktkette früher das Regale-Einräumen
selbst betreute – und dass da wochenlang eingearbeitet
wurde und niemand auf sich allein gestellt gewesen
sei …
Letztlich waren wir dann noch zu dritt und hatten
alles Liegengebliebene aufzuarbeiten.
(Unser kleines, subversives
Vergnügen bestand dann übrigens darin, eine
durch unsere Messer leicht beschädigte Plastikflasche
– „Die müssen Sie bezahlen!“
-, aus der die Cola tröpfelte, ganz hinten ins
Colaflaschenregal zu räumen …)
Nach dem Einräumen
folgte dann schließlich noch das so genannte
„Spiegeln“:
Hier muss durch alle Gänge des Supermarktes gegangen
und die Ware überall so hingerückt werden
– also nach vorne – dass es danach aussieht,
als seien die Regale alle voll. (Wer das für
eine angenehme oder gar entspannende Arbeit hält,
soll’s mal probieren … Seither erstarre
ich vor Ehrfurcht, wenn ich irgendwo „sauber
gespiegelte“ Supermarktregale vorfinde ...)
Dies alles führte
dann dazu, dass wir genau um 15 Uhr 30 den Ort des
Grauens verließen: nach genau 9 (in Worten:
neun) Arbeitsstunden ohne Pause und ohne Trinken.
Die einzelnen Waren habe ich bereits nach ein paar
Stunden nicht mehr wirklich erkannt – vor meinen
Augen war alles nur noch ganz furchtbar bunt.
Bezahlt werden übrigens
5 Euro die Stunde – allerdings nicht für
alle neun Stunden, die wir gearbeitet haben, sondern
am Tag höchstens 25 Euro (so erfuhren wir hinterher)
– Denn wenn wir nicht in der angesetzten Zeit
fertig würden, dann seien wir „selbst schuld“…
Als ich dann draußen
in der Nähe des Bürofensters noch eine Zigarette
rauchte, konnte ich hören, wie die Forsche mit
dem Marktleiter über die Leiharbeitsfirma sprach
und zu ihm sagte: „Als ich gehört habe,
dass der X da verantwortlich ist, wusste ich gleich:
Das kann nichts werden …“
Als
ich am nächsten Regalauffülltag wieder kurz
vor 6 Uhr 30 vor dem Supermarkt stand, um meine 25-Euro-für-neun-Stunden-Arbeit
abzuholen, standen bereits neue Arbeitswillige davor
– und von „meiner Mannschaft“ war
es genau eine Person. Alle anderen waren neu.
Der
Chef der Leiharbeitsfirma war dann auch wenig erfreut,
als ich mein Geld einforderte … Das „Gespräch“
gipfelte in der Aussage: „Ja, der erste Tag,
das ist Probearbeit ... die wird nicht bezahlt …“
Als ich ihm sagte, dass niemand uns darauf hingewiesen
hätte, war er natürlich anderer Meinung.
Meine Telefonnummer solle ich ihm geben, er rufe mich
zurück …Man wollte mich schnell loshaben,
schließlich könnten ja die „neuen
Opfer“ etwas davon mitbekommen, dass sie hier
„für umsonst“ einen Tag lang schuften
- und letztlich nur die Leiharbeitsfirma profitiert
…
Angerufen hat mich
übrigens niemand. Auch als ich anrief, wimmelte
der Leiharbeitschef mich ab mit den Worten: „Hat
man Sie noch nicht angerufen?!“
Meine weiteren Telefonversuche (an eine Festnetz-
und zwei Handynummern aus der Anzeige) blieben erfolglos.
Selbst ein Brief an die Zentrale der Leiharbeitsfirma
in Stuttgart blieb ohne Antwort.
Eine Frau, die mit
mir gearbeitet hatte, hat übrigens ihre 25 Euro
bekommen, wie sie mir bei einem zufälligen Treffen
erzählte – aber nur nach Drohungen mit
der Polizei und der Presse in Richtung der Stuttgarter
Zentrale. „Und noch etwas“, sagte sie,
„den Herrn Vorarbeiter kennt in Stuttgart niemand.“
Für
mich aber bleibt eine Sache erschreckend: Nicht die
Rückenschmerzen nach
9 Stunden Arbeit ohne Pause; nicht die nie bekommenen
25 Euro; nicht, dass ich keinen Supermarkt mehr betreten
kann, ohne zu schauen, ob er „gut gespiegelt“
ist, sondern dass jeden Regalauffüllmorgen, den
der Supermarkt werden lässt, neue Menschen vor
den Türen stehen, die wirklich auf Arbeit –
auf diese Arbeit! – angewiesen sind.
Und
obwohl die Machenschaften der Leiharbeitsfirma inzwischen
wohl allen Beteiligten – auch dem Supermarkt
und inzwischen auch den LeiharbeiterInnen selbst -
klar sein sollten, läuft alles weiter wie bisher.
Immer wieder höre
ich von Firmen, die ArbeiterInnen entlassen und dann
über Leihfirmen neue einstellen – eine
große Firma in der Gegend hat sogar, nachdem
sie einige ihrer ArbeiterInnen entlassen hatte, genau
diese an genau dem selben Arbeitsplatz über eine
Leiharbeitsfirma wieder eingestellt – nur für
weniger Geld.
Wo bleibt die Revolution
der LeiharbeiterInnen?
Simone Schneider
Januar 2009
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